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Teil II Eine gute Mutter sein?

Anna Bach

 

"Eine gute Mutter sein – wie geht das?"

 

Teil 2     Fünf Aspekte guter Mutterschaft

 

Es gibt allgemeines Wissen, das für jede Mutter hilfreich und wichtig ist.

Solches Wissen wird unter günstigen Lebensbedingungen von der Mutter auf die Tochter weiter gegeben. Aber es findet sich oft nicht mehr in unserer Kultur, wie unter anderem das Beispiel von Sandra zeigt. (Teil 1)

 

Zu lange wurden Mütter unterdrückt und ihrer wichtigsten Fähigkeiten und ihrer Freiheit beraubt. Es braucht Zeit, um sich diesen Freiraum und dieses früher einmal selbstverständliche mütterliche Wissen wieder anzueignen.

 

Eine gute Mutter kann, wie jeder wirklich erwachsene und mitfühlende Mensch, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Perspektiven einmal beiseite stellen. Und sich statt dessen ganz auf die Perspektive des Kindes, oder eines anderen Menschen, einstellen.

 

Frage:

Was sind wohl Qualitäten einer guten Mutter – aus der Sicht der kleinen Tochter und von ihren kindlichen Bedürfnissen her gesehen?

Und wie ist das, wenn die Tochter bereits jugendlich oder erwachsen ist?

 

(Sie könnten die folgenden Beschreibung der fünf Aspekte dazu nutzen, jeweils inne zu halten und zu überlegen, wie es bei Ihnen selbst in diesem Bereich als Mutter oder Tochter ist oder war.)

 

Fünf Aspekte:

 

 

  1. Die Mutter selbst – ihre Selbstbeziehungen

     

  2. Die Tochter als Priorität

     

  3. Schutzraum für Wachstum, Entfaltung

     

  4. Loyalität

     

  5. Lebenslange Bindung und Beziehung

 

 

Im Folgenden meine ich mit "gute Mutter" die optimale Vorstellung, das Ideal, einer für die Tochter guten Mutter.

 

Die Aspekte 1-3 werde ich hier vorerst nur in aller Kürze beschreiben. Ausführlicher werde ich dies im Buch tun.

 

Zu 1.

Eine gute Mutter empfindet und lebt positive Selbstbeziehungen – sie achtet sich und sorgt für sich. Sie ist an ihrer eigenen Person interessiert, schützt ihre Würde und ihr Wohlbefinden, und fördert die eigene Lebensfreude und Entwicklung.

Dies ist in der Realität oft schwieriger als es sich jetzt anhört. Mehr dazu unter "Mütter heute".

 

Zu 2.

Gleichzeitig behandelt die gute Mutter ihre Tochter als Priorität. Sie weiß, dass ihre Tochter bedürftiger, auch schutzbedürftiger, ist als sie selbst und übernimmt daher die Verantwortung für ihr Kind. Zu diesem Zweck ist sie bereit, oft – aber nicht ständig – eigene Bedürfnisse zurückzustellen und auf manches zu verzichten.

Dies scheint vielen Müttern selbstverständlich, wird ihnen jedoch unter den heutigen Lebensbedingungen meistens

sehr erschwert.

Anderen Müttern fällt es aufgrund ihres persönlichen Hintergrunds von vorn herein nicht leicht, der Tochter Priorität einzuräumen.

Lesen Sie dazu u.a. vom Typ der "Kind-Mutter".

 

Zu 3.

Es war und ist stets Aufgabe der guten Mutter ihrer Tochter den Raum für Wachstum und Entwicklung zu geben bzw. diesen Raum der Tochter vor Angriffen von außen zu schützen. Auch dies ist wichtig als Basis für die Stärke und Freiheit der Tochter als erwachsene Frau.

 

Ob der guten Mutter dies gelingen kann ist u.a. davon abhängig, in welcher Kultur sie lebt – optimale Bedingungen bietet eine matriarchal orientierte Kultur, schlechteste Bedingungen ein radikales Patriarchat.

 

Warum?

1. Siehe "Die matriarchale Mutter" im Buch.

2. Radikales Patriarchat in Form von Kulturen, in denen der Vater/Mann als Alleinherrscher in Familie und Staat fungiert – welche Chance hat dort eine Mutter, ihre Tochter zu schützen? Wie kann sie ihre Tochter zu Eigenständigkeit und Freiheit erziehen, wenn sie selbst nicht frei und eigenständig leben darf? 

 

 

Zu 4.  Den wichtigen Aspekt der mütterlichen  Loyalität möchte ich bereits hier   im Blog etwas ausführlicher darstellen, da dieses Thema aktuell besonders wichtig erscheint: 

 

Die Loyalität einer guten Mutter liegt im Zweifelsfall bei ihrem Kind, ihren Kindern. Punkt.

 

Das ist, wie alles andere auch, eine Frage der Perspektive, und ich werde meine klare Haltung dazu im Folgenden erläutern:

 

 

(Es sei denn diese Kinder sind der Kindheit entwachsen und es ergeben sich Konflikte, welche eine mütterliche Loyalität unmöglich machen – diesen seltenen Fall bitte einmal ausgenommen.)

 

Im Rahmen familiärer Erziehung ist es für das Selbstwertgefühl eines Kindes  enorm wichtig, die Mutter als verlässliche und solidarische Person immer hinter sich zu wissen. Auch bei Konflikten!

Damit meine ich nicht, dass die Mutter keine Grenzen setzt oder gewisse Regeln einfordert – dies ist sogar wichtig und notwendig.

 

Doch die Frage ist:

Welche Grenzen, welche Regeln - und zu wessen Vorteil und Nutzen?

 

Allein über diesen Satz wäre ein Buch zu schreiben.

Ich greife in meinem Blog/Buch diesen Punkt immer wieder auf, um darüber Klarheit zu schaffen.

 

Grundsätzlich lässt sich folgendes sagen: eine gute, loyale Mutter lässt nicht zu, dass ihre Tochter – von wem auch immer – gefährdet, erniedrigt, beleidigt oder gar misshandelt wird.

 

Dies ist nur scheinbar selbstverständlich – denn Loyalität beginnt auch schon bei

kleinen Dingen: Wie gern erlauben sich Erwachsene Späße auf Kosten kleiner Kinder, ohne deren Würde zu beachten?

Die gute Mutter erkennt solche Situationen und schreitet ein – und zwar sofort!

 

Mehrfach hatte ich darüber Diskussionen mit Klientinnen, denen durch Erziehungsratgeber z.B. beigebracht wurde, niemals in die Interaktion zwischen Vater und Kind einzugreifen – angeblich, damit die "Autorität des Vaters nicht in Frage gestellt" werde!

 

Bemühte Väter sollen auf diese Weise Raum für ihre pädagogische Entwicklung bekommen und eine eigene Beziehung zu Kindern aufbauen.

Das ist zunächst ein schönes Ziel – doch was, wenn da noch viele Defizite sind, welche u.a. durch den Mangel an Erfahrung und Einfühlungsvermögen oder     durch geschlechtspezifische Muster entstanden sind?

Darf jeder Vater an den Kindern Erziehung üben – ohne Eingriffe von außen?

 

Es ist zum Schaden der Kinder, wenn Pädagogen dafür plädieren, im Zweifelsfall bei ungerecht ausgetragenen Konflikten nicht einzugreifen, nur weil es sich bei dem Erwachsenen um den Vater des Kindes handelt.

 

Kinder werden dabei als "zu erziehende Objekte" gesehen!

Niemals sollten Mütter zulassen, dass Väter/Partner mit ihren Kindern etwas tun, bei dem sie normalerweise jedem Fremden in den Arm fallen würden!

 

Pädagogen, die derartiges von Müttern verlangen, müssen sich den Vorwurf einer neo-patriarchalen Perspektive gefallen lassen.

Liebevolle Erziehung geht von der Perspektive des Kindes als Subjekt aus.

 

Von den vielen Beispielen, die mir dazu bekannt sind, greife ich zwei heraus:

 

1. Der bekannte und oft als Genie gelobte Regisseur Ingmar Bergman litt unter psychischen Problemen, vor dem Hintergrund einer schweren Kindheit.               Seine damalige Frau, die Schauspielerin Liv Ullmann, um viele Jahre jünger als er, lebte eine zeitlang mit der gemeinsamen kleinen Tochter bei ihm – in einem großen alten Haus mit vielen Zimmern und Fluren. Und dieser krankhaft eifersüchtige Vater/Partner verlangte, dass Liv bei ihm schlafe – das wenige Monate alte Baby jedoch weit weg in einem anderen Zimmer, einem anderen Bereich des Gebäudes. Von dort aus konnte die Mutter ihr Kind nicht einmal mehr hören!

 

Voller berechtigter Zweifel und Ängste lag die junge Frau oft wach neben ihrem "Herrn und Meister" und horchte ängstlich in die Dunkelheit, da sie sich Sorgen um ihr kleines Baby machte.Doch es half nichts: Auch ihr war als Mädchen beigebracht worden, dass die Bedürfnisse des Ehemannes im Zweifelsfall vorrangig sind – das Baby hingegen muss warten, verzichten, allein bleiben.

 Selbst der Tod ihres Kindes kann der Preis sein, den eine Mutter hier zu zahlen             hätte – für ihre Loyalität mit einem psychisch gestörten erwachsenen Partner..       

 

 

2. Ein weiteres typisches Beispiel entnehme ich einem medizinischen Ratgeber für Neurodermitis Patienten. 

 

Der wohlmeinende Kinderarzt schrieb   sinngemäß:

- Ein längerer Ferienaufenthalt am Meer ist für an Neurodermitis erkrankte Kinder meistens mit beträchtlichen und länger anhaltenden Heilungsprozessen verbunden.       

Allerdings muss auch hier auf die Ansprüche anderer Familienangehöriger Rücksicht genommen werden: Ein grantelnder Vater, der lieber seinen Urlaub in den Bergen verbringen will, würde dem erhofften Heilungserfolg möglicherweise entgegen stehen. - 

 

Können Sie sich an dieser Stelle den Satz vorstellen: "Eine grantelnde Mutter, die lieber ihren Urlaub in den Bergen..."?  Natürlich nicht. Der mütterliche Verzicht ist uns selbstverständlich und er ist an dieser Stelle ja auch angebracht – der väterliche Verzicht ist allerdings nicht unbedingt eingeplant!                                                                 Mit ihm ist nach Meinung des Kinderarztes (oder aus seiner Erfahrung heraus?) nicht selbstverständlich zu rechnen, Vaters "granteln" würde nicht als jämmerlicher Ausdruck kindischer Egozentrik verstanden, sondern als Verhalten angenommen, auf dass man ggf. ernsthaft Rücksicht nehmen sollte...

Das würde gegebenenfalls für diesen Kinderarzt bedeuten: Keine Erholung für das kranke Kind, wenn der Vater gerade keine Lust auf Urlaub am Meer hat?

 

Wie soll nun in einem solchen Fall die gute Mutter entscheiden – nimmt sie Rücksicht auf das "granteln" eines kindischen Kindsvaters oder bringt sie ihr      Kind zur Gesundung ans Meer?

Eine Frage der mütterlichen Loyalität.

 

Selbstverständlich war es für manche Leute früher und ist es teilweise noch heute, männlichem Bedürfnis Priorität einzuräumen, anstatt Verzicht zu erwarten.

Eine Mutter ist jedoch dazu da, ihr Kind zu schützen, das ist ihre natürliche und zentrale Aufgabe.

 Es ist nicht ihre Aufgabe, an erster Stelle den Vater/Partner schützen – der ist        ein erwachsener Mann und kann sich selbst schützen – oder sollte es ansonsten dringend lernen.

Ein Mann sollte nicht das pädagogische Projekt seiner Partnerin sein.

Leider ist das des öfteren der Fall.

Es ist das schutzbedürftige Kind, das jeder Zeit im Blick der Mutter sein sollte –   und  im Schutz anderer Erwachsener, welche die Mutter unterstützen.

Dies kann z. B. auch der Vater sein.

 

Dieser Anspruch gilt allerdings auch umgekehrt – eine inkompetente Mutter,        welche ihr Kind unangemessen und schädigend behandelt, muss vom Vater/Außenstehenden daran gehindert werden!

 

Doch dieser Fall ist in Familien offensichtlich deutlich seltener – Mütter sind emotional in der Regel näher am Kind und seinen Bedürfnissen, von Natur aus.

(Sicherlich für manche ein Diskussionspunkt - die Natur, ihre Existenz und Bedeutung. Ich komme des öfteren darauf zurück.)

 

Ich weise explizit darauf hin, dass unter friedlichen, liebevollen familiären Bedingungen alle Erwachsenen im Umfeld des Kindes auf dessen Wohl bedacht sind.

Dann muss niemand das Kind in besonderer Weise in Schutz nehmen.

 

Leider sind derartige Zustände längst nicht überall zu finden. Und gegenwärtig ist unter dem politischen Druck und der globalen Krise der Schutz der Kinder noch dringlicher geworden - und die Frage mütterlicher Loyalität sicherlich brisanter.

 

 

 

Schauen wir weiter aus der Perspektive der Tochter:

 

Was lernt eine Tochter über sich selbst und über ihre Mutter, wenn sie vom Vater/Partner oder anderen Menschen ignoriert, beleidigt, abgewertet oder unangemessen bestraft wird – und ihre Mutter schaut dabei zu, greift nicht ein?

 

 

 

Eventuell redet sie, die Mutter,  mit dem Vater erst hinterher, allein im stillen Kämmerlein, über sein Fehlverhalten?

Genau dies wurde mir oft berichtet! Und so wird es leider in/von manchen Erziehungsratgebern empfohlen.

 

In diesem Fall erfährt das Kind ja nicht einmal, dass die Mutter es gern geschützt hätte. Sondern es erlebt die Mutter in stillem Einverständnis mit dem erwachsenen Gegenüber im Konflikt oder einem Aggressor.

 

Eine Tochter lernt auf diese Weise, dass sie in den Augen der Mutter nicht wertvoll ist – zumindest nicht so wichtig und wertvoll, wie der Vater/Mann. Oder sogar weniger wichtig, als fremde Leute.

 

Sie lernt, dass ihre Mutter sie im Zweifelsfall im Stich lässt, sie allein lässt und sogar zuschaut, wenn ihr Unrecht getan wird – und das ist grausam.

 

Sie lernt, dass für Frauen/Mütter der Mann/Vater wichtiger sein muss, als das eigene Kind. Und wird dieses Verhalten wahrscheinlich als Mutter erneut weitergeben.

 

An dieser Stelle wird die Loyalität zwischen Mutter und Tochter gebrochen, zugunsten der Loyalität einer Ehefrau zu ihrem Mann.

An einem solchen Muster zeigen sich patriarchale Erziehung und Lebensumstände.

Und darum haben viele, viele Töchter dies im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte erleben müssen.

Es ist nichts, was die Mütter sich selbst ausgesucht hätten.

Sondern eine Folge der gesellschaftlichen Vorgaben.

 

In der Folge wird die Tochter sich von der Mutter enttäuscht zurückziehen, sich in sich selbst zurückziehen vielleicht – denn wenn sie selbst ihrer Mutter nicht trauen kann – wem dann?

 

(Dies gilt im Zweifelsfall für Söhne ebenso, allerdings mit etwas anderen Konsequenzen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann. Ich plane allerdings bereits ein Buch zum Thema Mutter-Sohn.)

 

Eine weitere logische Konsequenz dieser Erfahrung ist ein Mangel an Selbstwertgefühl.

 

Einher geht damit häufig das Gefühl der Höherwertigkeit des männlichen Menschen - denn die Mutter zeigte ihr ja, dass der Mann/Vater für sie wichtiger sei.

Und Religion, Kultur, Medien fördern ebenfalls in vieler Hinsicht traditionell diesen Eindruck.

 

Nicht selten entsteht so bei Töchtern/Frauen die tiefe Sehnsucht, über eine symbiotische Beziehung zu einem männlichen Partner den oft frühen und schmerzhaften Verlust der mütterlichen Nähe und den niedrigen Selbstwert wieder auszugleichen.

 

Sie ahnen die Konsequenzen für spätere Partnerschaften?

 

 Auf diese Weise erzieht unsere Kultur Mädchen zu emotionaler Abhängigkeit und Selbstabwertung.

Diese innere Haltung von Frauen in Partnerschaften wird wiederum von Männern häufig als einengend und belastend empfunden. "Sie klammert" heißt es dann.

 

Eventuell versucht die Frau seine Nähe und Liebe zu erkämpfen, indem sie ihm schmeichelt, ihn verwöhnt – selbst wenn sie ihr Kind/Kinder dabei zurück stellt.

 

Und so schließt sich ein Kreis...

 

 

 

 

Zu 5. Lebenslange Bindung und Beziehung

 

Die Mutter-Tochter-Beziehungen ist von Natur aus eigentlich auf Dauer ausgelegt.

Dies hat emotionale und praktische Gründe.

 

Emotionale Gründe für lebenslange Nähe:

Warum eigentlich sollten Mütter und Töchter sich voneinander entfernen - wenn sie eine gute Beziehung zueinander haben?

 

Warum sollten sie sich – durch große räumliche Distanz und auf Dauer - trennen wollen, wenn sie einander lieben und sich gut verstehen?

Von einer Trennung der Beiden wird jedoch oft ganz selbstverständlich ausgegangen.

 

(Liebe Leserin – falls Sie als Tochter/Mutter eine schwierige Beziehung zu Ihrer Mutter/Tochter haben und auf gar keinen Fall mit Ihr zusammen bzw. in ihrer Nähe leben können oder wollen – darum geht es hier gerade nicht! Sondern es geht um den Fall, dass die Beziehung ausreichend gut ist, so dass beide, Mutter und Tochter, im Prinzip Nähe wünschen. Zu Problemen zwischen Müttern und Töchtern und dem daraus resultierenden, völlig berechtigtem Wunsch nach Distanz in einigen Fällen folgen weitere Texte in Buch und Blog.)

 

Unter optimalen Bedingungen (s.o.) von Selbstliebe, gegenseitiger Fürsorge, Loyalität, Raum für Entfaltung (d.h. auch: Eigenständigkeit für die Tochter!),      gibt es keinen Grund für Mütter und Töchter, sich von einander emotional oder räumlich zu entfernen.

Denn beide profitieren enorm durch diese Beziehung.

Gibt es möglicherweise Vorteile für andere Personen durch diese Trennung?

Welche gesellschaftlichen Gründe gibt es dafür, dass Müttern und Töchtern  Entfernung, Entfremdung, Trennung als "notwendig" vermittelt wird?

 

Das patriarchal-traditionelle Konzept lautet: "Eheliche Partnerschaft hat den Vorrang vor den Beziehungen zu den Kindern".  Demnach hat zuerst der Ehemann/Partner für die Mutter den Vorrang vor ihrer Tochter. (siehe oben)

Mit der Begründung: "Die Tochter geht ja irgendwann wieder aus dem Haus.       Der Ehemann bleibt."

Später hat dann der eigene Partner der Tochter den Vorrang vor ihrer Mutter.

Etwas anderes können sich viele Menschen kaum vorstellen, es ist uns selbstverständlich.

Obwohl viele Mütter, teils hinter vorgehaltener Hand, ganz ehrlich zugeben:        "Ich liebe meinen Mann sehr, aber meine Kinder gehen vor, wenns drauf ankommt."

Und viele Töchter wissen, dass sie im Ernstfall mit der unbedingten Unterstützung ihrer Mutter rechnen können. Aber eventuell nicht mit der unbedingten Loyalität des Partners.  

 

Die Nähe von (erwachsenen) Töchtern zu ihren Müttern wird in unserer Kultur teilweise sogar als schädlich betrachtet.

"Die Tochter muss sich abnabeln" heißt es, und das soll ihr angeblich nur gelingen, wenn sie sich von ihrer Mutter emotional distanziert. Teils wird dies schon in jungen Jahren von ihr erwartet.

Wer profitiert von diesen Ideen und ihrer Umsetzung?

 

Betrachten wir historisch all das Leid, das Müttern und Töchtern traditionell durch eine erzwungene Trennung immer wieder zugefügt wurde und wird.

Töchter, die jung verheiratet wurden/werden und ihrem Ehemann folgen müssen.

Mütter, die gesetzlich oder moralisch bedingt nicht frei sind zu wählen, wie sie sich verhalten möchten. 

 

Es gehört bis heute zum patriarchalen Konzept: denn die (frühe) Trennung von Mutter und Tochter schwächt und verletzt beide – während ihre solidarische Verbindung beide stark macht.

Doch patriarchale Kultur verträgt und will keine – wirklich – starken Frauen!   Auch nicht in der Gegenwart.

 

In diesem Zusammenhang sehe ich übrigens auch den generellen emotionalen und sozialen Notstand im Zuge der "Atomisierung" (nach Dr. Göttner-Abendroth) unserer Gesellschaft.

Die Idee, ein richtiger Erwachsener sei von seiner/ihrer Herkunftsfamilie in jeder Hinsicht unabhängig, und daher räumlich flexibel und mobil, gehört zum Konzept der kapitalistischen Gesellschaft. Das Ideal ist dabei der überall einsetzbare Mensch, ohne familiäre, räumliche und kulturelle Bindungen.

Wohin hat uns dieses Ideal gebracht - und wohin soll es weiterhin führen?

 

Durch die wie selbstverständliche Abwanderung zwecks Studium, Beruf oder Ehe werden viele junge Frauen zu früh, zu lange und oft endgültig von ihren Müttern  und Familien, aber auch vom früheren Freundeskreis, getrennt.

Dies geschieht in vielen Fällen zum Nachteil der eigenen psychischen Stabilität und des stützenden familiären Zusammenhalts. Einsamkeit, Depression sind häufig die Folge, werden aber selbst in der Psychotherapie meist nicht auf die Trennung von der Familie als mögliche Ursache zurückgeführt. Und wenn, dann soll dieses Empfinden weg therapiert werden – denn eine "erwachsene junge Frau kommt allein zurecht, ohne ihre Familie."

Ich halte dies für falsch, weil es den menschlichen Grundbedürfnissen von Zugehörigkeit, Sicherheit, Geborgenheit, Stabilität und Unterstützung zuwider läuft.

Dazu mehr unter "Töchter heute".

 

Es braucht und gibt Alternativen und andere Konzepte für Mütter und Töchter. Voraussetzung für deren Umsetzung ist allerdings ein besseres Verständnis und neues Bewusstsein für die Situation.

 

 

 

Praktische Gründe für eine lebenslange Nähe von Müttern und Töchtern:

 

Die Mutter ist ihrer Tochter in ihrer Entwicklung und Lebenserfahrung immer um ca. 20 – 35 Jahre voraus.

 

 

Das Wissen und die Lebensweisheit der Mütter/Großmütter zu nutzen, und zwar in jeder Lebensphase, war ein Aspekt erfolgreichen Überlebens der Menschenfrauen bzw. der gesamten Menschheit,

von Anfang an!

 

Zudem bewegt sich die praktische Unterstützung durch die eigene Mutter -               im Fall einer guten Beziehung - auf einer stabilen emotionalen Basis.

Hier ist kein Wechselbad der Gefühle mit Beziehungsstress, Fremdgehen, Drama, und keine Scheidung oder Trennung zu erwarten, wie dies in Liebesbeziehungen/Ehen zwischen Frauen und Männern ständig geschieht.

 

Dies kommt zum Beispiel in Kulturen, in denen Mütter und Töchter sich generell nicht trennen und alle Kinder bei den Müttern leben, den heranwachsenden Kinder zugute: Nicht nur, dass ihre Bedürfnisse besser erfüllt werden, sie kaum/keine Gewalt erfahren, sondern sie erleben auch ein stabileres familiäres Umfeld.  Dort gibt es keine leidvollen Trennungen oder Scheidungen der Eltern, da diese von vorn herein nicht im selben Haus leben. Ganz gleich ob die Liebschaft der Mutter mit ihrem Partner 3 Monate oder dreißig Jahre andauert -  ihre Kinder sind von Stress oder Leid des Liebespaares nicht betroffen.

 

Abschließend möchte ich zum Thema "gute Mutter" den Schriftsteller Joseph M. Marshall III (Lakota) zitieren.

Die Lakota sind trotz Eroberung und schädlicher patriarchaler Einflüsse ein an matriarchalen Konzepten orientiertes Volk von Native Americans, in den USA.

 

An ihrem Beispiel zeigt sich, unter welchen Voraussetzungen Müttern eine gute Mutterschaft erleichtert werden kann. Es braucht dazu unter anderem Respekt, Liebe und Wertschätzung als gesellschaftliche Grundeinstellung zu allen Müttern und zum Mütterlichen.

 

Marshall schreibt in seinem Buch "The Lakota Way":

 

"Großmütter sind in jeder indigenen amerikanischen Kultur, und nicht zuletzt bei den Lakota, der Inbegriff aller Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir versuchen zu erlernen und zu praktizieren." (Übersetzung A.B.)

 

Können Sie sich eine solche achtungsvolle und bewundernde Aussage gegenüber Großmüttern/Müttern in unserer Kultur vorstellen, in unserem Land?

 

Bei uns heißt es eher: "Das kannst Du Deiner Großmutter erzählen." - so als sei eine Großmutter das dümmste Wesen überhaupt.

 

Doch in einer Kultur, in der Weiblichkeit generell geachtet, geliebt und geschützt wird, ist auch und gerade die ältere Frau/Mutter/Großmutter eine hoch geachtete Person.

Ihre Töchter (und Söhne) bleiben meistens in ihrer Nähe – weil es ihnen ein Anliegen und Bedürfnis ist.

Und vor dem Hintergrund dieses tiefen Respekts kann in matriarchalen Kulturen Frauen jeder Generation ermöglicht und vermittelt werden, was es heißt, anderen und sich selbst eine gute Mutter zu sein.

 

Dies wird dort übrigens auch den Jungen und Männern vermittelt!                                 Ein guter Mann, Mensch, gewählter Anführer ist bei den Lakota jemand, der sich "fürsorglich wie eine gute Mutter" gegenüber seinem Volk verhält!

(Der "wilde autoritäre Krieger", der seine Frauen und Kinder beherrscht, ist in Bezug auf den größten Teil der indigenen Völker ohnehin eine Hollywood Fantasie.)

 

Würde doch diese Anschauung auch bei uns gelten, dann wären Gewalt, Hass, Krieg und Zerstörung nicht mehr die größten Probleme unserer Zivilisation!

 

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Liebe Leserin, ich lade Sie herzlich ein, mir Fragen zu stellen, Hinweise zu geben oder Ihre Kommentare auf der Website zu hinterlassen!

 

Falls Sie selbst Beratung als Mutter und/oder Tochter wünschen, schreiben Sie mir.

Ich versuche Termine kurzfristig anzubieten.

 

Demnächst folgen weitere Artikel hier im Blog zum Thema "Mutter und Tochter – eine schwierige Beziehung?"

 

Ihnen wünsche ich als Frau / Mutter / Tochter alles Gute!

 

Anna Bach, 29.11.21

 

 

 

 

 

 

 

 

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