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Stichwort: Normalität

Was heißt hier "normal"?                                                                            Welche Norm hilft - und was macht krank?

 

Unser Erleben von "Normalität" oder:               

 

Was ist "normal"? Was wurde mir beigebracht?                                                                                                                    

 

Welche Norm lässt mich leiden? 

 

Und welche Normalität macht mich glücklich? 

 

 

In unserem Alltag gibt es viele Handlungen,

 

Erfahrungen und Abläufe,

 

die wir für normal und selbstverständlich halten.

 

Wir sagen, "Das ist doch normal" und damit

 

erklärt sich die Sache scheinbar von selbst.

  

 

Für einige Leute ist es „normal“, sich direkt nach dem Aufstehen die Zähne zu putzen.

 

Andere tun dies lieber erst nach dem Frühstück und behaupten, so sei es „normal“.

 

 

Ist das "Normale" immer das Gute und Richtige? Wird es nicht oft verwechselt mit „das Übliche“,     

 

eben das, was die meisten Leute tun?

 

 

Bedeutet "unnormal" gleichzeitig falsch, schlecht oder krank?

 

 

 

Ein Beispiel: In vielen südlichen Ländern ist es üblich, die Schuhe vor der Haustür

 

auszuziehen, um die Teppiche im Haus nicht zu beschmutzen. Dieses Verhalten ist dort "normal".         

 

In Deutschland ist die Aufforderung an Gäste, die Schuhe bitte vor der Tür zu lassen, nicht "normal"!

 

Ich habe es ausprobiert - und erntete irritierte und verärgerte Blicke.                                                               

 

Hier, wie auch in anderen nördlichen Ländern,  finden Gäste es  meistens "normal", mit Straßenschuhen

 

in Wohnungen hinein zu gehen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Gespräch und Nachdenken über die Vor-

 

und Nachteile des Umgangs mit dieser Sache,

 

finden sie das Ausziehen der Schuhe

 

„prinzipiell eigentlich besser". 

 

 

Aber sie machen es zu Hause darum nicht 

 

unbedingt anders als zuvor: aus "Gewohnheit" 

 

und um niemanden "vor den Kopf zu stoßen." 

 

 

 

 



 

 

Wir könnten solche Beispiele fortführen und würden erkennen: Was "Normalität" ist in einer

 

Kultur, das entscheidet nicht unbedingt der gesunde Menschenverstand, sondern Verhaltens- 

 

 und Denkweisen werden zur "Norm" gemacht.

 

 

Warum und wie das genau geschieht, kann an dieser Stelle nicht ausführlich untersucht werden.

 

Klar ist, dass es etwas mit menschlichen Bedürfnissen und/oder Ansprüchen zu tun hat.

 

 

Beteiligt sind Erfahrungen, Gewohnheiten, religiöse Regeln, Unwissenheit, Tradition, Ängste

 

und - Gewalt.

 

 

 

 

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, sich stets anzuschauen: 

 

 

 

WER entscheidet über die  „Normalität“ in einer Gruppe, einer Familie, in einer Kultur ?

 

 

WER macht die Regeln, und hat die sogenannte „Definitionsmacht“?

 

 

Und vor allem: Welchem Zweck, zu wessen Vorteil, wessen Bedürfnissen dient die

 

                                    jeweilige „Normalität“?

 

 

 

Wir denken und tun viele "normale" Dinge, die bei näherer Betrachtung unsinnig, nachteilig, 

 

ja sogar krank machend und zerstörerisch sind.

 

Und manchmal wissen wir gar nicht (mehr), warum wir uns so und nicht anders verhalten!

 

 

 

 

Oft fehlen Ideen, Alternativen und Vergleiche, um unsere gewohnte Normalität überhaupt in

 

Frage zu stellen. Der Blick über den Tellerrand zu anderen Kulturen und in andere Zeiten kann 

 

da interessant und bereichernd sein.

 

 

Ich nenne nur ein paar Beispiele:

 

 

Singen in der Fußgängerzone? In Deutschland ein Grund, von Passanten prüfend beobachtet zu

 

werden, ob man/frau nicht "'ne Macke" hat und in die Psychiatrie gebracht werden sollte - in

 

Italien hingegen eher als "normal" toleriert...



 

 

Nahrungsmittel voller Zucker, täglich Süßspeisen oder Kuchen essen?

 

 

In Europa "normal" in afrikanischen Ländern traditionell mit Unverständnis betrachtet; manche

 

 Afrikaner sagen sogar kritisch: "Kuchen ist ein Essen für die Weißen, es macht sie schwach. "

 

 

 

Als Frau ohne Schleier aus dem Haus gehen?  In Deutschland "normal", in streng islamischen

 

Kulturen für Frauen ein Grund, von der eigenen Familie oder gar vom Staat bestraft zu werden...

 

 

An heißen Sommertagen mit nacktem Oberkörper aus dem Haus zu gehen ist in Europa undenkbar

 

für eine Frau – die Polizei würde gerufen! - in manchen ländlichen afrikanischen Kulturen bis

 

heute kein Problem, sondern „normal“.

 

 

Sich weigern, mit Freunden einen Gewaltfilm anzusehen - welche/r Jugendliche in Deutschland

 

getraut sich, so "unnormal" zu sein, mit der Begründung "es tut mir nicht gut"? In einer Zeit, in

 

der Gewalt und Obszönität in den Medien eben "normal" sind?

 

 

Tiere ihr Leben lang in winzigen Käfigen zu halten und dann genüsslich als Delikatesse zu

 

verspeisen - "normal" für viele von uns Menschen - aber ist es auch "gesund" für uns und ist es

 

moralisch gesehen "gut"?

 

 

Ein weiteres Beispiel betrifft unser „normales“ Denken über die Geschlechter: Alle bekannten

 

großen Religionen, die monotheistischen Vaterreligionen, lehren und beschreiben es als „normal“,

 

dass die Frau lediglich als Helferin des eigentlichen Menschen (=Mann) anzusehen sei - während

 

uns die biologischen Tatsachen bei näherer Betrachtung eindeutig zeigen, dass es sich genau

 

umgekehrt verhält.

 

 

Denn den größeren und wichtigeren Teil bei der Erschaffung neuen menschlichen Lebens (u.a.

 

Kinder im Mutterleib zu entwickeln, zu gebären und meist auch aufzuziehen) bestreiten Frauen

 

ganz bzw. überwiegend allein, während Männer die Helfer sind.

 

Das ist bei Menschen nicht anders, als bei anderen Säugetieren auch.

 

 

 

Doch dies laut auszusprechen gilt derzeit nicht als „normal“. Im Gegenteil, man darf damit

 

rechnen auf Widerstand und sogar aggressive Abwehr von Männern und Frauen zu treffen, wenn

 

man diese Sachverhalte so benennt, wie sie eben sind. Wir haben es hier also mit einem Tabu zu

 

tun, welches versucht uns vorzugeben, was wir über dieses Thema denken und fühlen sollen - und

 

an welche Norm wir uns dabei gefälligst zu halten haben.

 

 

Es braucht also viel innere und äußere Freiheit im Denken, Fühlen und Handeln, um sich bei

 

Bedarf von der allgemeinen "Normalität" zu lösen, anders zu denken, zu fühlen und zu handeln als

 

es üblich und gewohnt ist/war. Und sich dabei vielleicht wieder mehr auf die eigenen Sinne, den

 

Instinkt, die Wahrnehmung, die Intuition zu verlassen.

 

Und auf den eigenen, kritischen Verstand.

 

 

 

In unserem „demokratischen System“ haben wir zwar offiziell viele Freiheiten (Stand 2019) -

 

und dennoch verhalten sich viele Menschen, vor allem Frauen, ängstlich bedacht darauf, nicht

 

aufzufallen, sich anzupassen und sich der Norm entsprechend zu verhalten.

 

Normal“ im Sinne der eigenen Kultur und im Sinne der aktuellen Mode. Wohlgemerkt: brav

 

angepasst an das „Normale“ kann es also auch sein, sich sadistische Sendungen wie „Das

 

Dschungelcamp“ anzuschauen – die Norm ist eben nicht immer „gut“ oder „human“ in einer

 

Gesellschaft, in die Toleranz gegenüber Gewaltdarstellungen riesengroß ist......

 

 

 

Ein weiteres Beispiel für fragwürdige Normalität: Kleine Babys schon kurz nach der Geburt mit

 

ihrem Bettchen zum Schlafen in ein stilles, menschenleeres Zimmer zu schieben, galt bei uns

 

lange Zeit als "normal", mit der Begründung, das Baby „brauche seine Ruhe“.

 

 

Oder es hieß gar, das Baby müsse lernen, sich anzupassen und dürfe nicht „seinen eigenen Willen

 

durchsetzen“, weil es sonst bald den Erwachsenen „auf dem Kopf herum tanzen“ würde. Auf die

 

psychischen Störungen, welche dieser Umgang mit Babys und Kleinkindern im einzelnen Menschen

 

und in unserer gesamten Kultur verursacht hat, gehe ich an anderer Stelle ausführlicher ein. Bei

 

Menschen aus Kulturen, die stärker am natürlichen Mutter-Kind-Kontakt orientiert sind, löst

 

dieses Verhalten ungläubiges Kopfschütteln aus. Denn das Bewusstsein darüber, dass ein Baby

 

stets Körperkontakt und Nähe zur Mutter/vertrauten Menschen benötigt, gehört dort noch zum

 

allgemeinen Wissen über soziale Beziehungen und menschliche Bedürfnisse. Das finden diese

 

Menschen „normal“.

 

 

 

Bis heute stehen in solchen Gesellschaften, die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund. 

 

Die Bedürfnisse des Kindes bestimmen dort die Norm, daran orientiert sich die Normalität. 

 

Das „Auslagern“ von Säuglingen und Kleinkindern aus dem mütterlichen Bett oder Ehebett ist     

 

unbekannt und erscheint als unsinnig und un-normal.

 

 

Meine Erfahrungen als Therapeutin mit depressiven Menschen haben mich davon überzeugt, dass

 

Gefühle von tiefer Einsamkeit, Getrennt-sein und Resignation durch derartig schädliche, aber

 

leider eben „normale“ Erlebnisse in frühkindlicher Isolation erworben wurden.

 

 

 

Besonders häufig zeichnet sich dies ab bei Menschen, welche z.B. eine frühe mutterlose

 

Säuglingsbetreuung inder Ex-DDR erdulden mussten oder die strenge, schwarze Pädagogik in

 

Zeiten des Nationalsozialismus…



 

 

Fazit:

 

 

 

Beim Stichwort "Normalität" lohnt es sich kritisch nachzufragen

 

 

1. Wem nützt diese „Norm“ oder „Normalität“

 

Wessen Bedürfnisse werden erfüllt?

 

 

2. Wie ist diese Normalität entstanden, wer hat sie

 

eigentlich gemacht oder so bestimmt?

 

 

3. Und ganz wichtig: Wir sollten versuchen, im

 

Zweifelsfall selbst nachzudenken und nachzuspüren,

 

was diese Norm oder fragwürdige „Normalität“ mit

 

uns macht. Oder mit unserem Kind!

 

 

Fragen wir uns im Zweifelsfall kritisch und ehrlich, ob eine "normale" oder "gewohnte"

 

Sache oder Handlung auch wirklich für die eigene Person gut, richtig, hilfreich, nährend

 

oder sogar heilsam ist!

 

 

 

Oder ist sie nur die Norm, die andere gemacht haben – aus Gründen, die mit mir und

 

meinem Wohlbefinden, meiner Gesundheit nichts zu tun haben?

 

 

 

Ist diese Norm gesund für mich als Mann, als Frau, als Mutter, als Leibwesen mit Körper,

 

Seele und Geist, bzw. - für mein Kind?

 

 

 

Und ist dies nicht der Fall – sollten wir uns von dieser unguten Norm distanzieren und mutig

 

nach eigenem Denken und Empfinden handeln!



 

 

 

 

 

Anna Bach, 2019

 

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